In der Anfangsphase seines Projekts erlebte er nahezu täglich Verletzungen an der Mauer. Ob durch den schweren Hammer oder beim Entfernen der Mauerstücke, Schnitte, Kratzer und Schürfwunden waren keine Seltenheit.

Alwin, der am Kurfürstendamm abends Mauerstücke anbot, benötigte neues Werkzeug und reagierte souverän auf die Frage nach der Echtheit der Steine, indem er seinen Handschuh auszog. Dies führte dazu, dass die meisten Betrachter entsetzt reagierten und sich abwandten. Dieses Ereignis symbolisiert die nachhaltige Wirkung der Mauer, die auch nach dem 9. November 1989 noch spürbar war. Bedauerlicherweise ereignete sich auch ein tragischer Vorfall am Stadtrand, bei dem ein Jugendlicher während des "Spechtens" von der Mauer erschlagen wurde.

Alwin benötigte nahezu drei Monate, um sich in seinem neuen Tätigkeitsbereich einzuarbeiten. Es wurde rasch festgestellt, dass nur wenige der zahlreichen Menschen aus verschiedenen Ländern überhaupt etwas von der Mauer herausbekamen. Dies war für Alwin von großer Bedeutung, da er aus eigener Erfahrung mit der Mauer wusste, wie unerbittlich und widerstandsfähig das als das "sicherste Grenzsicherungssystem der Welt" geltende Bauwerk war.

Durch jeden präzisen Hammerschlag auf den Meißel wurde die Mauer in einem Umkreis von 2-3 Metern so wild zerstreut, dass die Gefahr bestand, das Augenlicht zu verlieren. Dies führte zur Entstehung eines neuen Dienstleistungsgewerbes, bekannt als "Mauerspechte". Erfahrene Fachleute übernahmen die schwierige Aufgabe, Mauerstücke zu gewinnen, die für andere unerreichbar schienen. Diese Tätigkeit erforderte ein hohes Maß an Präzision und Fachwissen im STEINBRUCH. Mit der steigenden Nachfrage entwickelte sich ein Markt für Mauerstücke, der anfangs noch transparent und ehrlich war. Jedoch wurde bald klar, dass die Farbvielfalt der Mauerstücke einen größeren Einfluss auf den Preis hatte als ihre Größe. Daher begannen einige Spechte, zusätzlich zu ihren Werkzeugen auch Spraydosen einzusetzen, um die Mauer zu bearbeiten.

Aufgrund seiner frühzeitigen Erkennung dieses Trends hat Alwin begonnen, sich eingehend mit der Authentifizierung von Produkten auseinanderzusetzen, sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft.

Anfangs wollte Alwin durch einen Gesteinsforscher eine Expertise anfertigen lassen. Das blieb aber Utopie

Durch einen Berliner Rechtsanwalt und Notar, der einen geeigneten Mauerstein für seine Kanzlei auswählte, entstand in einem fachkundigen Gespräch eine interessante Möglichkeit. Aufgrund seiner notariellen Tätigkeit bot sich die Gelegenheit, im Anschluss an das Spechten eine Kiste beglaubigt zu versiegeln. Alwin konzentrierte sich jedoch darauf, die Authentizität der Mauersteine durch Fotografien zu dokumentieren, anstatt sich an den physischen Aktivitäten zu beteiligen. Während seine Kollegen sich ausschließlich auf das Zerschlagen der Mauer konzentrierten, erkannte Alwin den Wert der langfristigen Dokumentation und hielt seine Beobachtungen fotografisch fest.

Die meisten seiner Mauerspecht-Kollegen boten ihre Ware damals noch „frisch“ an, das heißt sie boten die Mauerbrocken direkt beim Abbau an der Mauer an. Da jedermann bei der Arbeit zuschauen konnte, brauchte es auch keinen Beweis. So hatte jeder kamera-behangene Berlin-Tourist sein eigenes Beweisfoto geschossen.

Alwin galt zu dieser Zeit als der einzige Experte unter den Spechten, der während seiner Arbeitszeit keine Mauerstücke verkaufte. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und neues Werkzeug zu erwerben, verkaufte er abends am Ku'damm nur so viel Mauerbrocken, wie er zum Arbeiten und Leben benötigte. Den Großteil seiner täglichen Ausbeute sicherte er für sich selbst. Bis heute besitzt er große Teile davon, viele sogar mit Beweisfotos.

Es ist anzumerken, dass die Behauptung, Alwin sei der einzige gewesen, der nichts an der Mauer verkauft habe, nicht eindeutig nachweisbar ist. Es ist jedoch erwähnenswert, dass Alwin persönlich von diesem Prinzip profitierte. Trotz der Belästigungen bei der Arbeit an der Mauer, ob er nicht doch ein Stück verkaufen wolle, entschied er sich, gelegentlich ein Stück zu verschenken, um sein Prinzip aufrechtzuerhalten. Überraschenderweise ermöglichte ihm die Mauer, ein bisher unbekanntes Glücksgefühl zu erleben. Fremde Menschen bedankten sich für ein Stück Mauer, als ob er ihnen eine bedeutende Summe Geld geschenkt hätte. Diese Erfahrung machte ihn unerwartet reich, obwohl er kein Geld besaß.

Alwin war steinreich und glücklich.

Das Treiben an der Mauer war nicht nur Freude, sondern nach wie vor steinbruchharte Arbeit, mit auch immer häufiger vorkommenden lästigen Begleiterscheinungen. Die Mauer war inzwischen für jedermann. So war es nicht verwunderlich, dass die ersten Beschimpfungen zu hören waren. Immer öfter musste Alwin seine Arbeit aus sicherheitstechnischen Gründen unterbrechen, da neugierige Touristen und Sensationsfoto-heischende Fotografen sich viel zu nah im Schlagbereich des Hammers befanden.

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